Der Maler Walter Karberg lebt in Berlin

„Keine erdenkliche Anhäufung von Anmerkungen vermag unsere Gemälde zu erläutern“, schrieb Mark Rothko 1943.

Von Paul Klee gibt es den bekannten Satz: „Diesseitig bin ich gar nicht fassbar.“ Empirische Bewusstseinsforschung zeigt gegenwärtig, „dass es unendlich viele Dinge im Leben gibt, die man nur ergründen kann, indem man sich dem Erleben selbst ausliefert, dass es eine Tiefendimension in der reinen Wahrnehmung gibt, die sich weder durch Denken noch durch Sprache erfassen und durchdringen lässt“ (Metzinger, 2014).

Manchmal gelingt es, in unserer Kultur der Unrast, Unruhe und Getriebenheit die Zeit zu vergessen und eine kleine Ewigkeit in der großen zu finden.

Fotos © by Annette Wörner anette-woerner-fotografie.de

Lebensabschnitte:

1935 in Lübeck geboren. Lehre und Arbeit als Zeichner und Retuscheur.
Studium in Dortmund, Köln (Werkschule) und Bonn (Philosophie, Kunstgeschichte, Psychologie).
Forschung, Lehre und Beratung für internationale Organisationen in afrikanischen Ländern.
1974 Professur an der FHSS Berlin.
Aufbau eigener Werkstätten für Malerei, Zeichnen und Keramik.
Regelmäßige Ausstellungen seit 2008

Den Pinselstrich zu ziehen beschreiben die Chinesen als „mit dem Drachen reiten“. Praktisch heißt das, Alltag und Unruhe zu verlassen. „Die Stillegung der Gedanken“ (Walter Benjamin).

Die Existenz mit Bewusstsein, Ego usw. abzulegen und gleichzeitig die Aufmerksamkeit zu erhöhen bis es ganz still wird. Der Strich wird im Augenblick der Stille gezogen. Der Maler verschwindet im Strich. Die Wahrnehmung des Anfangs oder bereits gezogenen Strichs befördert die weitere Bewegung des Pinsels. Das Fließen der Farbe ergänzt den Vorgang, der die Aufmerksamkeit von tausend Pinselstrichen in einem bündelt und so ziemlich schweißtreibend wirkt. Lebenslang eingeübtes Handwerk ist die Vorraussetzung, den mit Farbe bis zu acht Kilogramm schweren Pinsel leicht zu bewegen. Das Bild gibt dem Augenblick Gestalt und Bedeutung. Der Klang der Farben verwandelt sich in Energie, die mitnimmt in eine lebendige Form, die Unbekanntes zum Leuchten bringt, Lebenskraft mit zugehörigen Tod wahrhaftig und schön erscheinen lässt.

Den Strich zu ziehen, ist Loslassen in Aufmerksamkeit und Gelassenheit.

Vorher abstrakt Unsichtbares, die Fülle des Augenblicks kommt so auf den Punkt oder Strich. Die Bilder schlafen und schweigen (vielleicht schnarchen sie manchmal?). In der Regel versucht ein Betrachter im Bild etwas zu finden, das er kennt. Auch in amorphen Gebilden zum Beispiel finden wir Gesichter, Tiere usw. – das beruhigt. Figürliche und gegenständliche Bilder bestätigen meist die gewohnte Sicht der Welt, verfremdete Formen und Farben weisen auf neue Ansichten. Selbst in monochromen Bildern suchen wir nach Bekanntem.

Abstrakte Bilder versuchen diese menschliche Tendenz zu unterlaufen. Es soll Unbekanntes sichtbar werden. Diese Bilder erwachen erst, wenn der Betrachter die gewohnten Stützen des Alltags vergisst, sich öffnet und dann luftig Verborgenes und Abstraktes sehen und verstehen kann. Empfindsamkeit löst den Inhalt und erkennt neue nur bildhaft formulierbare Einsichten.